Der heilige Ambrosius, dessen Fest die Kirche heute feiert, war ein Meister der Rhethorik. In ihm hatte der große und ehrgeizige Augustinus seinen Meister gefunden. Bekehrte sich doch dieser unter seiner Predigt, obwohl er sie anfangs nur deshalb anhörte, um sie zu widerlegen.
Es ist nicht immer leicht, den richtigen Ton zu treffen, gerade im Ringen um Meinungen. Der feinsinnige und tiefgläubige Ambrosius beherrschte diese Kunst. Um solche Weisheit und Begabung unter den Großen unserer Tage lohnt es sich, zu beten!
Von Ambrosius stammt die Melodie des Hymnus der Adventsvesper. Er schätzte den Gesang, wusste ihn für seine Seelsorge recht zu nutzen. Sagt er doch beispielsweise im Vorwort seiner Psalmenauslegungen (Hermann Josef Sieben, Schlüssel zum Psalter, Würzburg 2011, S. 98 und danach 101):
Es bereitet Gott nicht nur Lust, durch ein Lied gelobt, sondern durch ein Lied auch versöhnt zu werden.
Und er nimmt den Bezug des Volkes zum Gesang wahr, den er dann, in jener durchbeteten Nachtwache in der Basilica Portiana vor den Toren seiner Bischofsstadt zur Motivierung des Betens seiner Gläubigen, Schrifttexte vertonend, aufgriff:
Der Psalter ist für jedes Alter lieblich, er ist für beide Geschlechter geeignet. Greise singen ihn und legen die Steifheit des Greisenalters ab. Traurige Alte respondieren in der Fröhlichkeit ihres Herzens. Junge Männer singen ihn, ohne dass man ihnen Ausschweifung unterstellt. Jünglinge stimmen mit ein ohne Gefahr für ihr unsicheres Alter und ohne die Versuchung zur Wollust. Selbst junge Frauen singen die Psalmen ohne Schaden für die einer Ehefrau gut anstehende Schamhaftigkeit. Kleine Mädchen singen Gott ihr Loblied mit dem lieblichen Rhythmus ihrer Stimmen, ohne gegen die Scham zu verstoßen in nüchterner Bedächtigkeit. Die Knaben verlangen nach den Psalmen. Die Kinder, die sich weigern anderes zu lernen, haben ihre Freude darin, sie zu üben.
Um die Worte unseres Hymnus bzw. seiner Akklamation zu unterstreichen, wählte Ambrosius für den Gesang den vierten Kirchenton, der seiner Eigenart nach eine intensive Bitte melodisch ausdrückt. Sind schon die Worte von unbestechlicher Einfachheit und Klarheit, so mehr noch die Melodie. Jede Silbe hat genau einen Ton, mehr nicht. Wenn sich der Schöpfer anschickt, die Gestirne zu erschaffen, so zeigt das die Melodie, indem sie sich aus der Tiefe ganz nach oben bewegt. Nicht die Melodie leitet den Text, der Text lenkt die Melodie, da das Wort Wort Gottes ist. Bei Ambrosius dient der Gesang dem Wort.
Wir werden gerade dadurch erkennen, dass die zweite Strophe nicht mehr aus der Feder dieses Meisters floss, da das der Melodie unterlegte Wort weder aus der Hl. Schrift kommt, noch ein Zusammenhang zwischen Melodie und Text besteht. Auch das zugrundeliegende Reimschema folgt nicht dem Schema der ersten Strophe, das aus einem umarmenden Reim (Form: abba) besteht, dem sich ein Paarreim (Form: aabb) anschließt.
Das Fortleben und Fortschreiben dieses Hymnentextes muss also seiner inzwischen erlangten liturgischen Funktion als gesungenes Glaubensbekenntnis im Taufritus geschuldet sein.