Angekommen bei der dritten Zeile der ersten Strophe des Hymnus "Conditor alme siderum", erfahren wir mit dem dritten Hoheitstitel nun endlich, wer der so Angesprochene ist. Ohne diese direkte Anrede würden die beiden anderen Titel nicht solche Brisanz in sich bergen, die wir allerdings heute gar nicht mehr recht nachvollziehen können.
Als Höhepunkt der ersten Strophe wird nun der Sohn als in den genannten Ereignissen handelnde Person des trinitarischen Gottes angesprochen. Dieses Bekenntnis hat Tiefgang! Nur wer bekennen konnte, dass die Welt durch eben jenen geworden ist, der in die Welt gekommen und von den Seinen verworfen und gekreuzigt wurde (vgl. Joh 1,10), outete sich damals als katholischer Christ im Sinne des Trinitätsverständnisses des ersten Konzils von Konstantinopel im Jahre 381. Nur jener, der dies vom Sohn sagen konnte, war würdig, die Taufe zu empfangen. Allerdings wäre es wohl nicht zu diesem Hymnentext gekommen, wenn alle, die anderer Meinung waren, sofort gesagt hätten: 'Ja! So ist es.' Selbst das Konzil von Nicäa aus dem Jahre 325 mit dem Thema der Wesensgleichheit von Vater und Sohn, das in diesem Text vorausgesetzt ist, war noch nicht überall akzeptiert. Das ist der Kontext der so einprägsamen formelhaften Worte dieses Hymnus.
Und mehr noch: In dem kleinen nachgestellten Wörtchen omnium, gibt es noch eine Klarstellung, die weitere zeitbedingte Auseinandersetzungen betraf. Es gab damals eine recht militante Gruppe von Christen, die, um es verkürzt zu sagen, nur die Perfekten als erlösungswürdig ansehen wollten und die Schöpfung von der Erlösung ausschlossen, also eine Art christlicher Pharisäer, die sich selbst natürlich als auserwählt betrachteten. Man nannte sie Donatisten. Augustinus hat sie heftigst mit seinen Schriften bekämpft. Wenn es hier heißt, dass der Erlöser, Christus, alles erlösen wird, so schließt der Text damit nicht nur die gefallenen Sünder ein, jene, die unter Lebensgefahr weich geworden waren und den Glauben geleugnet hatten, sondern auch die gesamte Schöpfung.
Dieses Bekenntnis bezieht sich zunächst wieder auf den Text des Kolosserbriefes, in dem es heißt: Durch ihn haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden. (Kol 1, 14). So erhellt sich nun, dass die gesamte erste Strophe dieses Hymnus eigentlich eine Paraphrasie jener den Hymnus des Kolosserbriefes einleitenden Dankesworte (Kol 1, 12-14) ist, die in vollendeter Präzision auf drei verschiedene Häresien der Zeit antwortend aktualisiert wurden, und der eine Bitte, die noch zu besprechen aussteht, angehängt ist. Im Unterschied zur Vorlage, in der zunächst der Vater angesprochen wird, bevor der Blick auf den Sohn fällt, wird hier der Sohn als mit dem Vater eins seiend bekannt, indem nun alles Genannte dem Sohn huldigend vorgetragen, ja angetragen wird. Vielleicht kann man sich hier im Hintergrund an die Worte Jesu erinnern: Noch ehe Abraham wurde, bin ich (Joh 8,58).
Doch eine weitere Schriftstelle aus dem Römerbrief kommt hier ins Gespräch: Gewiss, die Schöpfung ist der Nichtigkeit unterworfen, nicht aus eigenem Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat, auf Hoffnung hin: Denn auch sie, die Schöpfung, soll von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes. (Röm 8, 20.21). Gott wird die Schöpfung erlösen! Wie sehr hat sie doch unter den Folgen menschlichen Raubbaus zu leiden!
Nehmen wir heute einmal das Leid der Schöpfung in den Blick, bringen wir sie ins Gebet und danken dem dreifaltigen Gott für all die Güter, die wir täglich haben und nutzen dürfen. Vielleicht bringt ein solches Danken uns in einem zweiten Schritt zu einer Veränderung im Kleinen hier und dort zugunsten unserer Schöpfung.