Zeile zwei der ersten Strophe von 'Conditor alme siderum' richtet eine zweite Anrede an den Schöpfer. Er wird diesmal als aeterna lux credentium - ewiges Licht der Glaubenden bezeichnet. Auch hier finden wir den Kolosserbrief paraphrasiert: „Anteil ... am Los der Heiligen, die im Licht sind.“ Mit den Heiligen waren damals, wie der Korintherbrief ausweist (vgl. 1Kor 16,15, 2Kor 13,12), die Gläubigen gemeint. Wenn wir zudem bedenken, dass im Hintergrund des Kolosserbriefes die frühchristliche Taufliturgie steht, dann erschließt sich noch mehr, was diese Zugehörigkeit bedeutet.
Der gewaltige Gegensatz des Lichtes zur Finsternis scheint hier auf und das Bekenntnis, dass ein Leben mit Christus ein Leben im Licht ist. Auch diese Aussage hatte Sprengkraft. Bot sie doch mit dem kleinen Wort ewig wieder den Arianern die Stirn, war aber zudem noch eine Stellungnahme gegen die Lehre der Manichäer.
Christus selbst bekennt: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. Joh 8,12. Und der erste Johannesbrief formuliert: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis (1 Joh 1,5). Da Christus wahrer Mensch und wahrer Gott und eines Wesens mit dem Vater ist, also Gott von Gott und wahres Licht vom wahren Licht, stehen wir mit diesen zwei Worten aeterna lux auf dem Boden des Glaubensbekenntnisses, das auf dem Konzil von Nicäa beschlossen wurde. Es wird sich noch zeigen, dass sich auch die Folgestrophen des Hymnus mit den Aussagen verschiedener wichtiger Konzilien decken, woraus folgt, dass sein Text aus der Feder mehrerer, zeitlich weit auseinanderliegender Autoren stammt.
Für die Gläubigen ist das Licht ein Standesmerkmal, das sie bei allen wichtigen Ereignissen ihres Lebens - egal ob Taufe, Hochzeit, Ordensprofess oder Trauerfeier - in Form einer Kerze begleitet. Eine Liturgie wird nicht ohne Kerzenlicht gefeiert. Das Stundengebet hat Tagzeiten, nämlich Laudes und Vesper, in denen Christus, als das Licht, besonders gefeiert wird. All dies fällt heute nicht mehr so auf und wird in seiner symbolischen Bedeutung daher nicht mehr verstanden. Die brennende Kerze im Gottesdienst bekennt Christus als das gegenwärtige wahre Licht. Die Drehung nach Osten zum aufgehenden Licht während des Chorgebetes feiert in dieser Geste und mit dieser Intention Christus.
Die Adventszeit betont mit ihren Kerzen besonders das bittende Warten auf Christi Kommen. Die Liturgie ist ganz auf diesen Gedanken abgestimmt. Die Welt in dieser Jahreszeit ist dunkel. In der Welt gibt es so manche Finsternis. Aber für den Christen ist Christus immer das Licht, die Erinnerung an dieses Licht in ihm selbst, so er glaubt, und an sein künftiges Leben im Licht.
Das Licht ist das erste Element der Schöpfung und Garant des Lebens. Achten Sie doch einmal bewusst auf die Schöpfungselemente in dieser Adventszeit, die reduzierten Farben, mancherorts auch Wurzelwerk, stehen als symbolische Wüste oder Kargheit der Landschaft im Kontrast zu paradiesischer Fülle. Die Gestaltung der Gottesdienste ist verhaltener, z.B. ohne Orgel. Wenn also in diesem Jahr alles noch sparsamer wird, so tut es der Aussage und dem besonderen Charakter dieser Vorbereitungszeit keinen Abbruch. Eher verstärkt es die hoffnungsvolle Erfahrung noch, die dieser Zeit eigen ist. (Wenn wir denn glauben!) Wir erfahren darin, dass - so romantisch Kerzenlicht auch sein mag - es Räume gibt, in denen wir es uns nicht selber hell machen können. Wenn das Herz sich dunkel anfühlt, brauchen wir Be-leuchtung.
Erbitten wir unserer Welt und den Menschen, die es jetzt ganz besonders brauchen Lichtblicke für ihren Tag. Glauben Sie, dass es funktioniert! Gott kann alles!