Das ist die heute übliche Übersetzung der dritten Strophe für den Gesang. Sie verdeutlicht schon, was man sich im lateinischen Text selbst erst erschließen muss, dass das Bibelzitat aus Psalm 19: "Sie (= die Sonne) tritt aus ihrem Gemach hervor wie ein Bräutigam", Christus meint. Wir besingen also etwas, was dem Lauf der Natur entgegen steht, denn die Sonne geht nicht am Abend auf. Und gewöhnlich denken wir dabei gar nicht darüber nach. Wie ist das zu verstehen?
Was ist der "Abend der Welt"? Die Deutung ist theologisch und wird verständlich, wenn wir Augustinus fragen. Dreizehn Jahre lang hat er an einem Buch geschrieben, das er "Gottesstaat" nannte. Im Grunde nimmt er dort eine Einteilung der Heilsgeschichte nach der Schöpfungsgeschichte vor. In sieben Tagen wurde die Welt erschaffen, am ersten Tag wurden Himmel und Erde, wurde in Gegenwart des Geistes durch das Wort das Licht. Im Johannesevangelium identifiziert sich Christus als Licht der Welt (Joh 8,12). Sein Auferstehungstag, der Tag des Herrn oder Sonntag, ist im Lauf der Woche jeweils der erste Tag. Als Tag nach dem Sabbat, also als achter Tag, kennzeichnet er die neue Schöpfung (vgl. Katech. 2174). Augustinus definierte nun sieben Epochen der Heilsgeschichte, angefangen von Adam bis hin zur Wiederkunft Christi und dem darauf folgenden Anbruch seines Friedensreiches. Mit der Menschwerdung des Herrn habe das sechste Zeitalter begonnen, in dem wir uns befinden, welches mit der Wiederkunft Christi enden wird. Verteilte man diese Epochen im Blick auf das Alter der Welt wie Tagzeiten über den Tag, so wären wir mit der sechsten Epoche bei der Vesper angekommen. Doch Vesper heißt schlichtweg Abend und erschließt sich auch ohne diese Eselsbrücke.
Die Welt hat sich zum Abend gewendet, und wir erwarten die Wiederkunft Christi. Wenn wir im Lauf dieser Woche mit den O - Antiphonen zur Vesper beginnen, so werden wir erneut genau daran erinnert, ergibt doch der jeweilige Anfangsbuchstabe der Christustitel, in umgekehrter Reihenfolge gelesen, ein Akrostichon: ERO CRAS - Morgen werde ich sein. Dieses Morgen ist der achte Tag, der Tag der Wiederkunft in der Zeit, den wir bis zum Weltenende als Gedächtnisfeier Seiner ersten Ankunft in der Zeit, als Tag Seiner Menschwerdung feiern. Dieses Morgen ist die Heilige Nacht. Als Weltenschöpfer hat er die Macht, die Naturgesetze außer Kraft zu setzen: Es wird keine Nacht mehr geben und sie brauchen weder das Licht einer Lampe noch das Licht der Sonne. Denn der Herr, ihr Gott, wird über ihnen leuchten...(Offb 22,5).