Anselm von Canterbury, der große Theologe des Hochmittelalters, hat einen Text verfasst, der jedes Jahr an diesem Hochfest der Maria Immaculata aus dem Stundenbuch verlesen wird (Oratio 52, PL 158, 955f.). Darin heißt es über die Menschen: "Gott selbst, ihren Schöpfer, spüren sie nicht nur als unsichtbaren König und Herrscher über sich, sondern sie erblicken ihn sichtbar in ihrer Mitte, wie er Gebrauch von ihnen macht und sie heiligt. Diese große Gnade kommt von der gebenedeiten Frucht des gebenedeiten Leibes der gebenedeiten Jungfrau Maria." Das ist es! Gott, "der Unfassbare und Unbegreifbare und Unsichtbare", macht sich "sichtbar, begreifbar und
fassbar für die Gläubigen, damit er lebendig macht, die ihn durch den
Glauben fassen und schauen. Denn wie seine Größe unerforschbar ist, so
ist seine Güte unaussprechbar." Dies sagte Jahrhunderte vor ihm Irenäus von Lyon in seiner Schrift Contra haereses (IV, 20,5). Es ist nicht vom Menschen beeinflussbar, wie und auf welche Weise sich Gott dem Menschen sichtbar macht.
Verborgenes ist unsichtbar. So gehört es sich einfach! Und will man gerade das Unsichtbare betonen, dann arbeitet man es so in einen Text ein, dass man nicht mit der Nase draufgestoßen werden kann. So sei noch ein letzter Blick auf die erste Strophe von "Conditor alme siderum" geworfen, quasi ein besonderer. Ambrosius hat nämlich noch ein angedeutetes Schriftzitat in diese erste Strophe hineingebracht, das man nur findet, wenn man nach Stilelementen sucht: Die erste Strophe enthält ein Akrostichon: Caece. Es ist ein Vokativ und heißt soviel wie Unsichtbarer! oder Verborgener! Ist das reiner Zufall oder einfach meine Eindeutung? - Ich meine nicht, denn: Hilfe bietet wieder der Kolosserhymnus, in dem Christus als des unsichtbaren Gottes Bild bezeichnet wird. Hilfe bietet der Gesang im ersten Timotheusbrief, der die Unsichtbarkeit Christi ins Wort bringt (1Tim 6,16). In den bereits geschilderten mutmaßlichen Entstehungskontext passt auch ein Jesajawort, das zudem von Rettung spricht: Wahrhaftig, du bist ein verborgener Gott, Israels Gott, der rettet (Jes 45, 15).
Gerade in der Not gibt der Glaube an Gottes unsichtbare Gegenwart Kraft und Vertrauen. Mit diesem Gefühl von Gegenwart und Beistand erlangte jener Bittgesang nochmal eine andere Färbung. Es ist kein kopfloser Hilferuf, sondern ein Bitten um Gottes helfendes Handeln in einer Sache, in der man für den Herrn streitet, bereit, dafür sein Leben zu geben. Was "Conditor alme siderum" dabei so mitreißend und in kürzester Zeit populär machte: Dass er als Gesang all die Dinge bekenntnisartig enthält, wofür man zu sterben bereit war. Ambrosius hatte nicht einfach den Kolosserbrief paraphrasiert und zum Lied umgeschrieben, er hat - ganz im Sinne des nicäno-konstantinopolitanischen Bekenntnisses - den Text jenes Briefes, der an den Vater gerichtet ist, auf den Sohn umgeschrieben und den Sohn damit als dem Vater wesensgleich bekannt. Das war revolutionär und weckte den Kampfgeist für die rechte Sache des Glaubens. Wie schön wäre es, wenn die Christen auch heute wieder mehr darüber wüssten, welch ungeahnte Tiefe in ihren Texten und in ihren Riten liegt! Für manche Dinge muss man wohl erst gekämpft haben, bevor man sie als edlen Wert zu schätzen weiß.
Der kämpferische Ambrosius hat aber auch noch eine poetisch-zarte, andere Seite, die uns schildert, warum er so beliebt war. Das von Maria begrüßte und in ihr lebendig gewordene Wort, dessen verborgene Macht unsichtbar in jedem Getauften am Werk ist, hat Ambrosius seiner Gemeinde einmal so ans Herz gelegt:
"In jedem einzelnen lebe die Seele Marias und preise die Größe des Herrn; in einem jeden lebe der Geist Marias und juble über Gott; wenn nach dem Fleisch auch nur eine die Mutter Christi ist, so ist Christus doch dem Glauben nach die Frucht aller. Denn jeder empfängt das Wort Gottes." (Expositio Evangelii sec. Lucam, Lib 2, 27).