Der Du, indem Du durch den Untergang des Todes mit der sterbenden Welt mitlittest, die schwache Welt erlöst hast, gabst Du den Schuldigen ein Heilmittel.
Die zweite Strophe des Adventshymnus der Vesper. Zeile eins und zwei haben es in sich. Es ist doch wohl ein großer Unterschied, ob jemand Mitleid hat mit einer im Untergang des Todes verloren gehenden Welt oder ob er durch den eigenen Untergang im Tod Teilhaber davon ist. Diese kleine Spitzfindigkeit befindet sich in der ersten Zeile. Denn je nachdem, ob man den Reim mit dem fehlenden "m" vervollständigt, ergibt sich eine bedeutungsvolle andere Aussage: Ablativ oder Akkusativ - das ist hier die Frage!
Für viele Orientalen war ein Bekenntnis, in dem ein Mensch gewordener Gott am Kreuz schmachvoll gestorben war, eine Zumutung, ja eine Gottesbeleidigung. Die Auseinandersetzung zog sich über ein halbes Jahrhundert hin, die verbindliche Lehre schließlich auf dem Konzil von Calcedon 451 definiert, wobei sich die Gegner (Ägypter, Syrer, Armenier) als koptische Kirche abspalteten.
Da die dritte Strophe des Hymnus die Entscheidungen des Konzils von Ephesos 431 behandelt, muss Strophe zwei zu einem früheren Zeitpunkt entstanden sein. Wenn angenommen wird, der Reim sei einmal vollständig gewesen, wird eine Region mit monophysitischem Bekenntnis, also vielleicht die Kirche von Alexandrien, diesen Strophentext hervorgebracht haben. In jedem Fall bestritt man in der ursprünglichen Fassung die Tatsache, dass Christus zwei Naturen in einer Person ungetrennt in sich vereinigte. Bei vollständigem Reim stünde nämlich das letzte Wort der ersten Zeile im Akkusativ mit der Konsequenz, dass Christus als Gott Erbarmen mit der gefallenen und sterbenden Welt hat, ohne dass das Leiden sich auf ihn selbst bezöge. Dieses Bekenntnis trugen nicht alle Kirchen mit. Diese so winzige Veränderung mit so großer Bedeutungsdifferenz zeigt, in welcher Weise man in der Spätantike die Hymnen im Kontext der jeweiligen Glaubensverkündigung gegeneinander instrumentalisiert hat. Es ist wohl die genialste Kürzung, die man sich denken kann, einfach bloß einen einzigen Buchstaben wegzustreichen und schon eine Gegenposition einnehmen zu können. Vor allem ist dieses Wegstreichen deshalb so dezent, da die Folgezeile ja mit einem m beginnt.
Es dürfte klar sein, dass der Durchschnittsbürger, damals wie heute, wenig davon verstand, was er da gerade sang. Doch nun dürfte sich auch erhellen, warum uns als bekennenden Katholiken das m in der ersten Zeile fehlt.
Vielleicht ist solch eine Geschichte eine Anregung, die vielen Religionsstreitigkeiten ins Gebet zu nehmen, die es auch heute gibt.