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Höre die Bitten

Der heilige Augustinus beschreibt im neunten Buch seiner "Bekenntnisse" die unmittelbare Zeit nach seiner Taufe so:

 

"Ja, ich konnte nicht genug der wunderbaren Süße jener Tage kosten, 

nachzudenken der Tiefe Deines Planes zum Heil des Menschengeschlechtes. 

Wie weinte ich bei den Hymnen und Gesängen auf Dich, 

mächtig bewegt vom Wohllaut dieser Lieder Deiner Kirche! 

Die Weisen drangen an mein Ohr, 

und die Wahrheit flößte sich ins Herz, 

und fromminniges Gefühl wallte über: 

die Tränen flossen, und mir war wohl bei ihnen."

 

Melodien und Worte erreichen das Innerste, nehmen diesem Mann vor Ergriffenheit die Fassung. Worte voll heiliger Wahrheit kommen bei ihm an, so vielleicht auch jene aus "Conditor alme siderum". Was Bischof Ambrosius von Mailand damals in seiner Diözese einführte, war die Neubelebung einer alten Tradition. Religiöse Sonderwege und Abspaltungen hatten viel Erfolg damit gehabt, ihr Gedankengut in Form von ergreifenden Liedern unters Volk zu bringen. Dieser Sache Einhalt zu gebieten, sah sich die Kirche gezwungen, das liturgische Liedgut auf die Gesänge der Hl. Schrift zu beschränken. Einer davon ist der Hymnus des Kolosserbriefes, auf dessen Text Strophe eins basiert:

 

Erhabener Schöpfer der Gestirne !

Ewiges Licht der Glaubenden !

Christus, Erlöser von allem !

Erhöre die Bitten der Flehenden !!!

 

Die Schreibweise mit den Ausrufezeichen verdeutlicht die Dringlichkeit der Bitte. Jene, die da bitten, machen sich ganz klein vor diesem Christus, bezeichnen sich als Flehende. Wie groß muss die Not da gewesen sein, wenn jeder Stolz abgelegt wird? Zwar ist die Form zugleich antike Stilfigur, die eine sich steigernde Würdigung der angerufenen Person enthält. Doch lässt die Wortwahl der letzten Zeile darauf schließen, dass es sich hier um wirkliche Not handelte. Nebenbei bemerkt, gab es im vierten Jahrhundert noch keine Adventszeit und keinen Adventshymnus. Der Text, der für uns den Charakter dieser geprägten Zeit so wunderbar unterstreicht, war zur Zeit des Ambrosius, aus dessen Feder die Melodie stammt, mit den obigen Worten auch schon zu Ende. Zum Hymnus schrieben ihn spätere Zeiten fort. Nach und nach kam eine Strophe hinzu. Und: Nur in der ersten Strophe ist die Melodie dem Text mit Höhen und Tiefen genauestens angepasst. Ein richtiges Kunstwerk!

Vielleicht verrät uns wieder Augustinus, was da passiert war. Er schreibt nämlich:

Vor gar nicht langer Zeit erst hatte die Kirche von Mailand diese Art von Erbauung und Erhebung, wobei die Brüder in heiligem Eifer wie aus einer Kehle, einer Seele zusammen sangen, in ihren Brauch genommen. Denn ein Jahr, oder nicht viel drüber, war es her, dass Justina, die Mutter des noch in Kindesjahren stehenden Kaisers Valentinianus, den Gottesmann Ambrosius verfolgte, ihrer Häresie zuliebe, zu der sie sich von den Arianern hatte verführen lassen. Das fromme Volk hielt Nachtwache in der Kirche, bereit, mit seinem Bischof, Deinem Knecht, zu sterben. ... Damals ward das Singen von Hymnen und Psalmen nach der Weise der Ostkirche eingeführt.

Soweit Augustinus. Der obige Text allerdings, unsere heutige erste Strophe eines Hymnus, war damals die gesungene Antwort des Volkes auf formulierte Fürbitten, inständige Anrufung, Akklamation.

Wie bitten wir Gott, wenn wir um etwas bitten?


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