Direkt zum Hauptbereich

Göttliche Arznei

Die Strophe zwei des Hymnus "Conditor alme siderum" dreht sich um zwei Begriffe. Sie ist eine Gegenüberstellung von Untergang und Rettung. Der Zusammenhang von Menschwerdung, Kreuzestod und Auferstehung und der dadurch erwirkten Neuschöpfung des Menschen im Sakrament der Taufe ist hier implizit. Sie ist das Heilmittel, um dem Untergang zu entkommen. Dazu könnte der Römerbrief zitiert werden: 

Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren. Ohne es verdient zu haben, werden sie gerecht, dank seiner Gnade, durch die Erlösung in Christus Jesus (Röm 3, 23.24). Paulus formt das noch weiter aus und sagt:

Wie es also durch die Übertretung eines einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so wird es auch durch die gerechte Tat eines einzigen für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen. Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden (Röm 5,18.19).

Damit ist mit dieser Strophe ein Thema angesprochen, um das es im frühen fünften Jahrhundert eine intensive theologische Diskussion gab: Die Erbsündenlehre, die letztendlich von Augustinus formuliert wurde. Die Annahme dieser Lehre durch die Kirche hatte im Hinblick auf diesen Hymnus eine kleine Nebenwirkung: Bereits im Laufe des fünften Jahrhunderts wurde im lateinischen Westen aus der Erwachsenentaufe die Kindstaufe. Mit ihr änderte sich der Ritus und damit ganz allmählich die liturgische Funktion dieses Hymnus.

Der erste Petrusbrief sagt: Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt (1Petr 2,21). Wer sich taufen ließ, der war bereit, in die Fußspuren Christi zu treten. Das Heilmittel ist also ein Weg, der mit der Taufe beginnt. Denn damit erlangt der Taufbewerber Anteil am Los der Heiligen, die im Licht sind (Kol 1, 12). Dieses Los ist auf Erden das Los Christi. - Diese Formulierung des Kolosserbriefes hat auch etwas von einem erlauchten Kreis von Eingeweihten, was für uns heute nicht mehr so nachvollziehbar ist. Damals jedoch passte diese Praxis, weil die Wertschätzung des Wortes, um das sich die "Heiligen" versammelten, es zu hören, deutlich aufgewertet war.  

Im letzten geht es in diesem Heilmittel - remedium - um die christliche Tugend der Bereitschaft zu Vergebung und Umkehr, damit Beziehung möglich ist. Wie kaputt unsere Welt auf dieser Ebene ist, wie nötig uns Erlösung ist, die wir uns nicht selber geben können, sehen wir täglich in den Medien, begreifen wir, wenn wir uns den Missbrauch und die Manipulation sozialer Netzwerke vor Augen führen. Es ist gut um Vergebung zu bitten, für sich selbst und stellvertretend für die anderen. Es ist gut, umzukehren und neu die Hand dem Nächsten entgegenzustrecken.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Impuls zum Palmsonntag 2021

Wir vom Kloster Helfta möchten Sie durch die Kar- und Ostertage begleiten. Warum gehen wir in diese Tage, und warum gehen wir anders hinein? Weil sich in jedem dieser kommenden Ereignisse ein Gipfelpunkt der Nachfolge zeigt. Wir tun es für uns im Gedenken an Ihn, weil Sein Weg durch diese Tiefen menschlicher Abgründe zur Auferstehung führte und führt. Die dunkle Seite des Lebens kann viele Gesichter haben. Und es kann auch unser Gesicht etwas abbilden, was wir nicht wollen. Was also können wir tun? Wir wollen doch etwas tun und machen:  Was sollen wir tun? Es ist die Frage der Menge, anlässlich der Pfingstpredigt des Petrus (Apg 2,37), eine Frage, die an die Erläuterung dessen anschließt, was sie getan haben. Die Antwort des Petrus empfiehlt Umkehr und Taufe. Die Leidensgeschichte offenbart noch eine andere Antwort: Manchmal ist nichts zu tun. Schon beim Einzug in Jerusalem wurden die Stimmen laut, die dem Lobpreis Jesu Einhalt gebieten wollten. Jesus kommt der Auff...

End-lich

Siehe, ich komme bald (Offb 22,7).  Warten wir wirklich darauf? Kaum haben Anzeichen ein endzeitliches Gepräge, gehen Angst und Schrecken um. Was aber ist so neu an dieser Verheißung, dass es uns aus der Bahn werfen müsste? ER kam vor zwei Jahrtausenden in der Zeit, ER kommt heute ins Herz jedes Menschen, das sich ihm öffnet, ER wird kommen am Tag X, dem Ende unserer Zeit.  Advent heißt ankommen. Vielleicht sollten wir auch hinzufügen ankommen lassen . Obwohl ER schon lange verehrt wird, ist erstaunlich wenig in die Praxis umgesetzt. Jedenfalls erscheint das schwieriger, als ihn zu feiern. Käme ER heute mit dem Gesicht eines Notleidenden unserer Zeit, wir würden ihn wohl kaum erkennen. Diesen einen würden wir gern aufnehmen, weil es Vorteile verspricht, das zu tun. Doch es sind jede Not und jeder Mensch mit seiner jeweiligen Last, von der es so unendliche Facetten gibt. Wir vermissen IHN oft sogar in uns selbst Endlich ist sie da, diese Vorbereitungszeit: Von Kindern heiß ers...

Den richtigen Ton getroffen

Der heilige Ambrosius, dessen Fest die Kirche heute feiert, war ein Meister der Rhethorik. In ihm hatte der große und ehrgeizige Augustinus seinen Meister gefunden. Bekehrte sich doch dieser unter seiner Predigt, obwohl er sie anfangs nur deshalb anhörte, um sie zu widerlegen. Es ist nicht immer leicht, den richtigen Ton zu treffen, gerade im Ringen um Meinungen. Der feinsinnige und tiefgläubige Ambrosius beherrschte diese Kunst. Um solche Weisheit und Begabung unter den Großen unserer Tage lohnt es sich, zu beten! Von Ambrosius stammt die Melodie des Hymnus der Adventsvesper. Er schätzte den Gesang, wusste ihn für seine Seelsorge recht zu nutzen. Sagt er doch beispielsweise im Vorwort seiner Psalmenauslegungen ( Hermann Josef Sieben, Schlüssel zum Psalter, Würzburg 2011, S. 98 und danach 101 ):  Es bereitet Gott nicht nur Lust, durch ein Lied gelobt, sondern durch ein Lied auch versöhnt  zu werden . Und er nimmt den Bezug des Volkes zum Gesang wahr, den er dann, in jener durc...