Wenn wir die erste Strophe von 'Conditor alme siderum' betrachten, dürfte schnell klar sein, dass sich die dort gemachten Aussagen mit denen des Kolosserbriefes decken. Ganz aufs Wesentliche zentriert, haben wir es hier mit einem Glaubensbekenntnis zu tun. Es ist wirklich an Schönheit und Tiefe nicht zu überbieten, was wir singend mit so eindringlicher Melodie und so wenigen Worten bekennen.
Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden ... alles ist durch ihn und auf ihn hin erschaffen. Kol 1,16
Conditor alme - erhabener Schöpfer!
Die Ihn so anreden, wissen, wo sie im Verhältnis zu dem, der hier angesprochen wird, stehen. Der, im Vertrauen um Hilfe, Ersuchte, thront jenseits aller Möglichkeiten irdischer Macht. Sich an ihn zu wenden, beinhaltet das Eingeständnis, dass die Bittsteller selbst nicht 'erhaben' sind. Der heilige Benedikt sagt: Wenn wir mächtigen Menschen etwas unterbreiten wollen, wagen wir es nur in Demut und Ehrfurcht. Um wie viel mehr müssen wir zum Herrn, dem Gott des Weltalls, mit aller Demut und lauterer Hingabe flehen. (RB 20,1) Der erhabene Schöpfer ist der Gott des Weltalls!
Wenn jemand in unserem Sprachgebrauch 'erhaben' ist, dann steht er 'über den Dingen', dann hat er alles unter Kontrolle. Nicht, dass es im Alltag nicht auch von uns verlangt werden würde, unsere Arbeit zuverlässig zu erledigen. Die Wortwahl allein zeigt aber schon auf, dass es hier um mehr geht: Kontrolle um jeden Preis. Wir Menschen heute brauchen im Alltag oft keinen Schöpfer mehr, weil wir meinen, die Lage selbst im Griff zu haben, bis ... naja ... bis uns ein kleines Tierchen, das so winzig ist, dass ein Auge es gar nicht sehen kann, eine Kugel voller Stoppeln, die Kontrolle entzieht... und eines Besseren belehrt. Und das erste, was getan wird: ein Schuldiger wird gesucht, wie in den Medien im Frühjahr nachzuverfolgen war. Jemand hat also seinen Job nicht recht gemacht, ist eine einfachere Erklärung als das Eingeständnis, dass es einen Schöpfer gibt, der seine Schöpfung ganz in der Hand hat. Man kann mit Problemen ja aktiv umgehen, und dennoch wissen und respektieren, dass es Grenzen gibt.
Der Herr macht arm und macht reich, er erniedrigt und er erhöht (1 Sam 2,7), weiß auch Hanna, die Mutter Samuels, zu singen. Wir sind nicht die Herren der Welt, obwohl wir zur Krone Seiner Schöpfung gemacht wurden. Über uns steht noch der Schöpfer. Und wenn es auch einem Menschen in der Zeit, in der der Text geschrieben wurde, durchaus zukam, mit dem Wort 'erhaben' angesprochen zu werden, so kam und kommt es keinem Sterblichen (außer Jesus) je zu, Schöpfer genannt zu werden.
Dies vermittelt die rechten Größenverhältnisse, die wir abbilden, wenn wir diesem Hymnus unsere Stimme und unseren Gesang betend leihen. Und dafür, dass wir einen so großen Herren haben, der auf uns Acht gibt, dürfen wir danken, freudig danken. Auch - und gerade - in dieser Zeit!